Wer kontrolliert die Kontrolleure?

Werkzeugtüren

Wie die drei Rating-Agenturen ueber Wohl und Wehe ganzer Staaten entscheiden 
   Trotz Kaiserwetters stuermt Bundespraesident Horst Koehler am Donnerstag vergangener Woche eilends voran: ueber den roten Teppich, vorbei an der Hotelrezeption des Bayerischen Hofs und hinein ins Kongresszentrum. Minuten spaeter steht er auf dem Podium und spricht zu den 160 Top-Managern, Politikern und Wissenschaftlern, die sich in Muenchen zum Economic Summit versammelt haben.

   "Ein bisschen weniger Aufregung waere mir heute lieber", beginnt er seine Rede. Dann regt sich Deutschlands Staatsoberhaupt ausgiebig auf. Ueber einen Finanzkapitalismus, der kein Leitbild mehr sei und mittlerweile ganze Staaten erpresse.

   Damit meinte der einstige IWF-Chef nicht nur Banken und Spekulanten, sondern auch eine Kraft, die trotz ihrer gewaltigen Macht geradezu unscheinbar daherkommt, im Gewand des unabhaengigen Kontrolleurs: die kleine Branch der Rating-Agentuen.

   Zwei Tage zuvor hatte die Macht wieder zugeschlagen. Die US-Firma Standart & Poor´s (S&P) wertete die Kreditwuerdigkeit Griechenlands auf Ramschstatusherb, stufte Portugals Langzeit-Rating um zwei Kategorien runter und setzte am Mittwoch ueberraschend auch die Kreditwuerdigkeit Spaniens um eine Note auf AA tiefer. Warum es Spanien traf und warum jetzt, blieb vage.

   Es sei unangemessen, die von den Rating-Agenturen vorgenommenen Einstufungen "allzu sehr zu glauben", sagte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. Doch die Boersen und Finanzmaerkte reagierten panisch. Der deutsche Leitindex Dax gab kurzfristig um fast drei Prozent nach. Der Euro sank auf ein Jahrestief. An der Wall Street verloren alle Indizes ueber einen Prozent. Von einem schwarzen Mittwoch schrieben die Zeitungen.

Rating der Agentur Standart & Poor´s

fuer Staatsanleihen ausgewaehlter Laender

AAA Ausfallrisiko fast null
AA+ / AA / AA- sichere Anlage, leichtes Ausfallrisiko
A+ /A /A- sichere Anlage, falls kein unvorgesehenes Ereignis die Gesamtwirtschaft belastet.
BBB+ / BBB / BBB- durchschnittliche Anlage, mittleres Insolvenzrisiko
BB+ / BB /BB- spekulative Anlage, mit Ausfaellen ist zu rechnen
B+ / B / B- spekulative Anlage, Ausfaelle wahrscheinlich
CCC+ sehr hohes Insolvenzrisiko
Tendenz
 

stabil

 

positiv

 

negativ

Stand: 29 April 2010  

 

   In einer Mail bittet ein Angestellter um ein Treffen, "um zu diskutieren, wie man Kriterien zur Festlegung immobiliengestuetzter Wertpapiere anzupassen" koenne, "wegen des drohenden Verlusts von Geschaeft". In einer anderen Notiz ist die Rede davon, die Bewertung von Subprime-Papieren ein wenig "zu massieren", um den Marktanteil zu sichern. Ein S&P-Mann gab zu, dass er Investments sogar fuer gut befinden wuerde, wenn sie "von Kuehen strukturiert" seien.

   Und das alles nur aufgrund der Meinung einer einzigen Firma? Noch dazu einer mit einer zweifelhaften Reputation? Denn laengst sind die drei grossen Rating-Agenturen S&P, Moody´s und Fitch als Mitverursacher der Finanzkrise ausgemacht. Mehr noch: als Kollaborateure.

   Urspruenglich bestand ihre Aufgabe darin, die Kreditwuerdigkeit von Firmen und Staaten festzustellen, damit potentielle Investoren ihr Risiko ueberschauen koennen. Mit der Zeit wurde daraus faktisch die Kontrolle ueber den Zugang zu den Finanzmaerkten.

   Denn wer immer dort Schulden aufnehmen will, braucht ein Rating. Institutionelle Anleger wie Versicherungen oder Pensionsfonds duerfen per Gesetz nur bestbenotete Papiere in ihr Portfolio aufnehmen.

   Man sollte glauben, dass eine derart wichtige Aufgabe in hoheitlichen Handen ist und strenger Aufsicht unterliegt. Doch das Gegenteil ist der Fall.

    Die drei Privatunternehmen mit Sitz in New York sind, so scheint es, vor allem der Maximierung des eignen Profits verpflichtet. Keine Aufsichtsbehoerde kontrolliert die Kontrolleure effektiv. Sie haften nicht fuer ihre folgenschwere Urteile, die Firmen in den Bankrott ( siehe auch Schufa. anm. Stuco-Redaktion) und Staaten an den Rand der Pleite bugsieren koennen. Ihre Urteile falle unter das Recht auf freie Meinungaeusserung.

   Man haette "einige wichtige Lehren aus der Krise" gezogen und "Schritte veranlasst, um Transparenz, Unternehmensfuehrung und Qualitaet der Ratings zu verbessern", raeumte S&P nun ein. Doches steht fest: Die Agenturen schoente Ergebnisse, um Kunden zu halten. Doch - und dies ist das naechste  Paradoxon der Branche - die Rating-Agenturen werden von jeden bezahlt, die sie bewerten sollen. Staaten und Firmen muessen ihre Anleihen bewerten lassen, Banken ihre Finanzprodukte. Wie wuerde ein Richter wohl urteilen, wenn der Angeklagte ihn bezahlt? Zumal der, bei nichtgefallen des Urteils, sich einfach einen anderen suchen kann: Rating-Shopping nennt man das in der Finanzwelt. Ist Moody´s zu streng, geht man eben zu S&P.

   Die Folgen waren verheerend: 93 Prozent der Subprime-Papiere, die 2006 die Bestnote erhielten, sind mittlerweile als Ramsch eingestuft. Das Versagen ist damit praktisch amtlich. Wenn also, so fragt man sich, reagieren die Maerkte immer noch so stark auf das Urteil der grossen drei? Weil sie oftmals muessen. Im Fall von Staatsanleihen etwa sind viele grosse instititionellen Anlegern - Versicherungen, Pensionsfonds etc. - gezwungen, die Papiere abzustossen. Per Gesetz muessen sie groesstenteils Werte mit Bestnoten im Portfolio halten.

   Die EU-Kommission ermahnte am Mittwoch S&P, Moody´s und Fitch, ihre Arbeit "verantwortungsvoll zu erledigen". Bruessel haelt die Abwertung Griechenlands wegen der zugesagten Hilfen fuer nicht gerechtfertigt. "Wir muessen unsere Meinung kundtun, auch wenn es schmerzhaft fuer die Emittenten ist", wehrt sich dagegen der Deutschland-Chef von Fitch, Jens Schmidt-Buergel. Manche seiner Branche aergert es, dass sie 2008 fuer zu sorglos gehalten wurden und nun als zu scharf gelten. S&P-Mann Moritz Kraemer, verantwortlich fuer Laenderratings, wiegelt ab: "Unsere Rating ist eine Meinung von vielen."

   Da wird es vielleicht Zeit fuer mehr Meinungsvielfalt. "Wir brauchen eine europaeische Rating-Agentur", rief Bundespraesident Koehler in die Muenchner Runde. Bislang verpuffte der Plan immer, obwohl ihn neben vielen Politikern sogar der Bundesverband der Deutschen Industrie unterstuetzt. Stattdessen wurde eine EU-Rating-Verordnung verabschiedet, welche die Agenturen erstmals einer europaeischen Wertpapier-Aufsichtsbehoerde unterstellt.

   Doch vielleicht darf Europa auf mehr hoffen. Jean-Claude Trichet, Chef der Europaeischen Zentralbank, schweigt sich zwar offiziell zur Frage einer europaeischen Agentur aus. Doch ein Geruecht haelt sich hartnaeckig: Die EZBsoll bereits dabei sein, ein eignes Laenderrating fuer die einzelnen EU-Staaten aufzubauen.

Quelle:

Spiegel-Ausgabe Nr.18 (03.05.2010)

Redakteur: ms

Deutschland AAA Grossbritannien AAA USA  AAA Belgien AA + Neuseeland AA + Irland AA

Japan  AA

 
Litauen BBB Russland BBB Brasilien BBB Indien BBB- Ungarn BBB- Aserbaidschan BB+ Griechenland BB+
Slowenien AA Spanien AA Chile  A + China  A+ Italien A+  Slowakei A + Botswana  A-
Estland A- Polen A- Portugal A- Rumänien BB+ Indonesien BB+ Lettland BB Türkei BB
Uganda B+ Kenia B Pakistan B- Ecuador CCC+

weiter mit hartz22

C/ B?her

kostenlose counter

kostenlose counter